Griechenland abseits bekannter Touristenziele
Die Region Thrakien im Nordosten Griechenlands liegt etwas abseits der geläufigen Touristenpfade. Makedonien bietet noch bekannte Reiseziele, aber je weiter man nach Osten kommt, desto unbekannter wird die Gegend.
Auf meiner Thrakienreise führte mich der Weg nach Xanthi. Eine pittoreske Stadt, die mir bisher nur für ihre ausgelassenen Sommerfeste bekannt war. Obwohl Xanthi nicht so nah an der griechisch-türkischen Grenze liegt, gibt es hier viele muslimische Einflüsse. Das liegt auch an der Nähe zu den Pomakendörfern, die ich von hier aus besuchen will.
Die Pomaken sind eine muslimische Minderheit, deren Dörfer verstreut in den südlichen Rhodopen liegen, nahe der bulgarischen Grenze. Es ist eine Ethnie mit umstrittener Herkunft. Sie leben sowohl in Griechenland als auch in Bulgarien und in der Türkei. Am weitesten verbreitet ist die Vorstellung, dass die Pomaken Slawen sind, die sich im Laufe der jahrhundertelangen Türkenherrschaft zum Islam bekehrten. Das Siedlungsgebiet der griechischen Pomaken ist auf Thrakien beschränkt. Dass es sie in Griechenland überhaupt gibt, ist ein Ergebnis des Kleinasiatischen Krieges. Der darauf folgende Bevölkerungsaustausch (in 1922) hat diese muslimische Minderheit nämlich ausgenommen. Sie durften bleiben. Im Gegenzug durfte eine ungefähr gleiche Anzahl Griechen in der Türkei verbleiben, damit auch der Patriarch der Griechisch-Orthodoxen-Kirche eine gewisse griechische Volksbasis behielt (der Patriarch hat immer noch seinen Sitz in Istanbul).
Fährt man von Xanthi aus nach Norden erreicht man schon nach 30 Minuten das Dorf Sminthi. Danach wird die Landschaft bergiger, die Kurven enger und die Dörfer deutlich kleiner. Erreicht man die abgelegenen Bergdörfer, hat man fast das Gefühl, in ein anderes Land zu kommen. Die Pomaken leben in ziemlich abgeschlossenen und verschlossenen Gemeinschaften. Das liegt natürlich auch an der isolierten Lage der Bergdörfer. Ihre Sprache ist ein eigenartiger Dialekt mit starken Einflüssen aus Bulgarien. Eine pomakische Schriftsprache gibt es nicht. Der Islam spielt eine zentrale Rolle im dörflichen Alltagsleben, wodurch die Isolation noch verstärkt wird. Es gibt zwar noch die Scharia, sie wird jedoch nur bei Familien- und Erbschaftssachen angewendet, und nur mit Einwilligung aller Beteiligten. Das Bild in den Dörfern wird bestimmt durch hohe Minarette. Unüberhörbar schallt der Gebetruf des Muezzins aus den Lautsprechern.
Die familiären Bindungen unter den Pomaken sind eng. Hochzeiten und andere Feste ziehen sich oft mehrere Tage hin und unterscheiden sich von den griechisch-orthodoxen Traditionen. Nach griechischem Recht genießen sie Religionsfreiheit und haben das Recht auf Schulbildung. Die wurde aber lange ausschließlich auf Türkisch angeboten. Daraus ergab sich eine stetige Annäherung an die türkische Kultur, was von der Politik nicht gerne gesehen wurde. Mittlerweile wird in den Schulen Türkisch und Griechisch gelehrt. Aber im Dorf und vor allem in den Familien spricht man untereinander Pomakisch. Und die Satelliten-Schüsseln auf den Dächern sind nach Istanbul ausgerichtet.
Es ist schwierig Kontakt aufzunehmen und ein Gespräch zu führen, da ältere Menschen oft kein Griechisch können. In die Moschee im Dorf Meloivia darf ich aber gerne rein. Freundlichkeit verlangt keine Sprachkenntnisse! Besonders die Moschee in Sminthi fand ich sehr schön. Sminthi ist ein großes Dorf und die Moschee ist sehr beeindruckend. Es hatte etwas gedauert bis ich im Dorf den Imam gefunden hatte. Freundlich aber erstaunt fragte er mich wo ich denn herkomme und was ich hier mache. Die Moschee hat er mir aber gerne gezeigt.
Im Dorf Echinos gibt es 3 Moscheen und eine christliche Kirche. Das gibt es selten. Dort habe ich natürlich nach dem Papás gefragt. Der wohne aber in Xanthi sagte man mir, und die Kirche sei sowieso nur 2-mal im Jahr geöffnet: An Ostern und an Weihnachten. Ich gehe in ein Kafeneio und bestelle einen Elliniko, der hier Turkiko heißt. Ahmet sitzt 2 Tische weiter und wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre etwas über die Menschen, die hier leben, und er klagt darüber, dass die Region wirtschaftlich sehr schwach entwickelt ist. Viele sind ins Ausland gegangen, sagt er. Wie ist denn das Zusammenleben mit den Christen frage ich. „Hier gibt es keine Christen. Nur bei der Polizei und bei den Soldaten. Für die ist auch die Kirche“ sagte er mir. Wir plaudern noch etwas und dann verabschiede ich mich. Es freut mich, dass ich mal ein längeres Gespräch führen konnte. Meinen Elliniko darf ich nicht bezahlen.
In dem abgelegenen Dorf Glavki trinke ich mal wieder einen Elliniko und treffe Hassan. Er bemerkt sofort, dass ich Deutscher bin und spricht mich an. Er arbeitet in Frankfurt am Flughafen und besucht gerade seine Familie im Heimatdorf. Später kommt seine Tochter mit Kind dazu. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, hat aber vor 8 Jahren in Glavki geheiratet. Sie arbeitet von zu Hause aus in einem Call-Center. Mit dem Einkommen ist sie zufrieden. „Natürlich, es ist von allem etwas weniger, aber auch ruhiger“, sagt sie. Auch ihr Vater Hassan wird in 3 Jahren wieder in seinem Heimatdorf sein. Meinen Elliniko darf ich auch hier nicht bezahlen. Nein, ein Foto darf ich nicht machen!
Die Landschaft hier oben in den Rhodopen ist fantastisch. Die Dörfer schmiegen sich an die Berghänge und alles sieht friedlich aus. Aber die Dörfer werden immer leerer. Sie leiden sehr unter der Abwanderung. Vor allem junge Leute wollen weg. So auch in dem schönen Dorf Médousa, mit der malerischen Steinbrücke. Es liegt nah an der bulgarischen Grenze und es ist auffallend ruhig. Es gibt kein Café und keine Taverne. An der Moschee hängt ein großes Schild mit dem Gruß: „Willkommen im Dorf des Ramadans“.
Wie man auf den mystischen Namen Médousa gekommen ist erfahre ich nicht. Der alte pomakische Name war Memkovo. Aber die griechische Regierung hat 1977 Ortsnamen mit islamischer Herkunft verboten. Die osmanische Steinbrücke heißt aber Memkovo-Brücke.
Zwei Männer, die mich beim Fotografieren beobachten sprechen mich an. Obwohl ich nicht danach frage erzählen sie gestenreich von dem harten Leben im Dorf. Als ich fragte wie die Straße weitergeht antworteten sie mir: „Hier ist die Straße zu Ende. Nach Kottani geht nur noch ein Feldweg. Aber was willst du da? Da gibt es mehr Hunde als Menschen“.
Beim Fahren von Dorf zu Dorf sehe ich ab und zu Leute, die Tabak anpflanzen. Kleine Felder direkt am Straßenrand. Seitdem die EU den Tabak nicht mehr subventioniert wird nur noch wenig industriell angebaut. Dass hier Familien noch Tabak anbauen liegt an der alten Tradition und der besonderen Sorte „Basmas“. Ein Orienttabak, der als Würztabak verwendet wird. Ismail sagte mir, er mache es immer noch, obwohl es nicht viel bringt. Seinen Ertrag verkauft er an kleine Betriebe, die noch Orienttabak exportieren. Wenn es ausreichend regnet kann er in 2 Monaten ernten, freut er sich. Ich darf seine Frau auf dem Feld fotografieren.
Das Einkommensgefälle zwischen den Pomakendörfern und den Städten ist groß. Das Siedlungsgebiet in den Rhodopen gehört zu den am geringsten entwickelten Regionen Griechenlands. Es zwingt die Jugendlichen geradezu in die Fremde zu gehen. Aber die muslimische Minderheit und die Griechen verstehen sich besser als manche Politiker es sehen wollten. Die Politik ließ die Pomaken nämlich spüren, dass die in der Türkei verbliebenen Griechen nicht gut behandelt wurden. Dass man gut miteiander auskommt spürt man auch auf dem bunten Basar, der jeden Samstag in Xanthi stattfindet.
Hier trifft sich ein buntes Völkergemisch aus Griechen, Türken, Pomaken und Bulgaren. Aber auch die Touristen haben den großen Markt schon entdeckt. Gemüse aus den Pomakendörfern, Obst aus Bulgarien und Billig-Textilien aus der Türkei. Alles wird lautstark angepriesen, Feilschen gehört unbedingt dazu. Manche Händler haben ein Auge dafür, wer von wo herkommt, und wollen ihre Sprachkenntnisse unbedingt anbringen. Erstaunt erfahre ich, dass so manch einer mal in Deutschland gearbeitet hat.
Es ist eine multikulturelle Szene, die man auch in der Stadt wiederfindet. Da stehen Kirchen und Moscheen friedlich beieinander, wie die christlichen und muslimischen Händler auf dem Basar. Und das Publikum in den Cafés ist auch gemischt.
In der Altstadt gibt es einen Stilmix aus gut restaurierten Herrenhäusern, ehemaligen Tabakspeichern und neueren Gebäuden. Im letzten Jahrhundert brachte der Tabakhandel der Stadt Reichtum und Wohlstand. Tabak wurde im Nordosten Griechenlands schon vor Jahrhunderten angebaut. Und besonders in der Gegend rund um Xanthi. Was den Bauern ein bescheidenes Einkommen brachte, machte die Tabakbarone in Xanthi und Kavala reich. Prächtige Herrenhäuser früherer Tabakhändler lassen den damaligen Wohlstand erahnen.
Ein imposantes Haus baute sich auch der jüdische Tabakhändler Isaak Daniel. Ein dreistöckiges Gebäude mit viel Wohn- und Lagerfläche. Er hatte mit dem Tabak ein Vermögen gemacht, und irgendwann überließ er das Haus der Stadt. Es wurde verpachtet und vermietet. Auch die Eltern des berühmten Komponisten Manos Chatzidakis mieteten sich hier ein. Und am 23. Oktober 1925 kam Manos hier zur Welt. Einige seiner Melodien kennt man ja auch in Deutschland („Ein Schiff wird kommen“, „Weiße Rosen aus Athen“,…). Zu Ehren des berühmten Komponisten wurde das Haus im Jahre 2000 aufwändig restauriert. Es dient seitdem als öffentliches Kulturzentrum und Museum.
Heute lebt die Universitätsstadt Xanthi vorwiegend vom Tourismus. Über die Geschichte des Tabakanbaus will ich mehr erfahren, wenn ich mich in Kavala umsehe.